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 Carolin Lüdemann und Kathrin Emely Springer – Das Geheimnis der positiven AusstrahlungCarolin Lüdemann und Kathrin Emely Springer
Das Geheimnis der positiven Ausstrahlung

KEN. Am Ende war ich traurig. Die Schönen sollen wieder einmal die Guten sein. Stil bedeutet Erfolg, auch wenn Stil weitestgehend eingekauft werden kann. Plus ein bisschen Verhaltensoptimierung: Wer »positiv« und stets fröhlich ist, hat auch gleich Charakter und damit zumindest die Vorstufe zu Charisma erreicht. Vermutlich hat er auch »Das Geheimnis der positiven Ausstrahlung« gelesen – oder seine unendlichen Vorgänger.

 
 

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Ich hatte die ganze Zeit über das Gefühl eines »schon mal gesehen«. »Déjà-vu«. Und zwar vor mehr als 20 Jahren, als ich selbst jung und der positive Denker und Pfarrer Norman Vincent Peale längst ein Klassiker war. Dale Carnegie war mit seinen Büchern zeitgleich ein Dinosaurier der Literatur zum Freunde gewinnen. Tausendmal kopiert und tausendmal ist nichts passiert.

Sympathisch, souverän und selbstbewusst in sieben Schritten

Wie im Schlager, der ein wenig anders lautet, zwitschern seit 1912 die Spatzen die immer gleichen Botschaften von der Stange. Längst auch Carolin Lüdemann und Kathrin Emely Springer.

Mitte der 1970-er kamen dann die NLP-Erkenntnisse dazu. Dahinter steht jedoch ein subtilerer Ansatz. Es wird nach Mustern gesucht. Und was danach als Musterlösung zu Musterproblemen herausmodelliert wurde, konnte dann auch als Strategie mit eigenen Inhalten gefüllt werden. Am Ende entsteht dadurch ein Plus an Freiheit durch mehr Wahlmöglichkeiten im zukünftigen Verhalten und weniger Problemen, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart und darüber hinaus strahlen.

Ich habe mir für das Thema neuen Wein in neuen Schläuchen gewünscht, statt die wieder und wieder ollen Kamellen, die schon dadurch seltsam wirken, dass Charisma mit allseitiger Beliebtheit durch fröhliches, extrovertiertes Auftreten, proaktives Kontakten und eventuell durch »stylischere« Klamotten geprägt ist. Das hier soll dabei herauskommen: Sympathie und Vertrauen!

Na geht es denn noch? Auf fast jeder Messe in Stuttgart sehe ich Hunderte von »charismatischen« Persönlichkeiten, sowohl Männer als auch Frauen, die diesen Klischees entsprechen. Und wenn ich all die Konfirmanden und Konfirmandinnen in meiner Bank dazu rechne, gibt es mehr Charisma in dieser Welt als jemals zuvor.

Ist das alles so einfach? Ich vermisse die richtig echten Charismatiker, die natürlich rüberkommen und nicht wie aus einer Speaker-Tradition, wo alle »Rampensäue« die gleiche Bräunungscreme und den gleichen Schneider zu haben scheinen und ins gleiche Fitnessstudio gehen. Plus an der gleichen Salatbar das einzig leckere Dressing weglassen, damit sie nicht zu fett werden. Denn fett = erfolglos und ohne Charisma.

Die Faktoren von »wahrer Schönheit« sind ein bisschen komplizierter als in diesem Buch, finde ich. Eine positive Ausstrahlung, erst recht Charisma, braucht all die Äußerlichkeiten nicht, die hier beschrieben sind. Wer daran glaubt, hat in einer Welt mit übersexualisierten Idolen wie David Beckham und Dolly Buster keine Chance, wirklich jemals Charisma zu entwickeln. Er/sie wird den Schein für das Sein halten und bestenfalls hoffen, dass der Schein zum Sein wird, falls die Ausdauer dafür ausreicht.

Carolin Lüdemann und Katrin Emely Springer sind erfolgreich mit ihrem Tun. Sie sind »Expertinnen« für Karriere und Knigge, sei es bei Unternehmen und Leistungssportlern. Auch das gehört dazu, zu was auch immer. Auch als Autorinnen sind sie erfolgreich – was alles nichts anderes heißt, als dass sie Antworten wiederholen, wo sie zum Bedarf und zu den Fragen passen. Wie zum Beispiel dazu, eine charismatische Persönlichkeit zu sein.

Hier wird es für mich schwierig. Ich habe seinerzeit eine sehr ernste, statt eben fröhliche Persönlichkeit kennengelernt. Ich konnte mich darauf verlassen, dass in einem Raum voller Streithähne Frieden einkehrte, wenn er in seinem Schmuddelpullover eintrat und nichts anderes tat, als sich kommentarlos auf einen Stuhl zu setzen und da zu sein. Dieser Mann ist nach wie vor unerbittlich fair und souverän. Sie würden ihn in der Königstraße mit einem Hut erwarten und doch nicht wagen, nur 50 Cent hineinzuwerfen.

Ich kenne außerdem wirklich erbärmliche Menschen, die im Gegensatz dazu alle charismatischen Hilfsmittel nach Lüdemann/Springer nutzen, um Leute zu verführen. Sie wirken sympathisch und vertrauensvoll – bis sie bekommen haben, was sie wollten. Selbst dann fühlen sich ihre Opfer geschmeichelt, in einem Fall sogar diejenigen – mitschuldig (!) -, die ihnen für den entscheidenden Auftritt den Ferrari und die Edelklamotten geliehen hatten.

Vertrauen entsteht eben nicht durch Äußerlichkeiten, die man sich maßgeschneidert direkt an den Körper tackern lassen kann oder von der Stange kauft. Charakter entsteht immer, egal ob wir Schlimmes oder Gutes tun. Eine wirklich positive Ausstrahlung ist dagegen niemals absichtsvoll. Nur dadurch hat sie überhaupt die Chance, den Ritterschlag »Charisma« zu erhalten.

Charisma ist bei all der Kritik und dem Zorn stark genug, die Scheinbarkeit zu dulden, ohne sich mit ihr deshalb auch zu verbünden. Wer Charisma hat, erreicht alle Menschen, egal auf welchen Kanälen sie ihre Schwerpunkte haben: die Sehenden, die Hörenden, die Fühlenden – und mit letzteren meinetwegen die Riechenden und Schmeckenden. Deshalb ist Charisma so selten und hat nichts mit »up-to-daten« Frisuren, aktuellen Figuren-Trends und Followern auf Twitter und Freundschaften auf Facebook zu tun.

Charisma ist meiner Meinung und meinen Beobachter-Erfahrungen nach tatkräftig, ehrlich, flexibel – und bei all dem bescheiden. Charisma stellt niemals sich selbst über andere. Deshalb braucht es Dinge wie »Farben erzeugen Wirkung« nicht oder Handlungsanweisungen, die dazu auffordern, ein paar Sekunden auf der Türschwelle stehen zu bleiben und den einen oder anderen mit einem Blick in die Augen zu erfassen.

Sorry: Bayern spielt gerade gegen ManU, da interessieren mich deine Klamotten und deine letzte Erkenntnis aus dem Lüdemann/Springer-Seminar überhaupt nicht! Die Göttin neben mir, die beim Tor von Thomas Müller ausrastet, hat gerade mehr positive Ausstrahlung als du, liebe Barbie, am Eingang zu meinem Pay-TV-Lokal. Weder du noch Ken haben mich jemals beeindruckt. Euer Schmelzpunkt ist einfach zu niedrig

Ich glaube, dass das Geheimnis einer positiven, ja charismatischen Ausstrahlung sehr individuell ist. Es ist bei John F. Kennedy und Lady Di ganz anders als bei einem lieben Rotzlöffel wie Keith Richards oder meinem Freund Ahmadu Alhassan, der an der Küste Ghanas bei Cape Coast VWs repariert.

Charisma hat in all seiner Verletzlichkeit – oder gerade deswegen – beispielsweise ein befreundetes Fotografenehepaar im Allgäu. Er und sie sind sich ihrer Endlichkeit bewusst. Sie gehen mit ihrer verbleibenden Zeit auf eine Weise um, die mich tief berührt – und jeden, der die Chance hat, sie kennen zu lernen. Ich werde immer stolz sein, dass ich dazu gehöre. Liebe Ilse und lieber Horst, ich danke euch, dass ihr in meinem Leben stattfindet und ich in eurem stattfinden darf! - Das ist Charisma.

Charisma hatte auch meine Englisch-Lehrerin Gertrud. Niemand kennt sie, außer die Hunderte von Schülerinnen und Schülern, die sie »erkannten« - wobei ihr auch alle anderen wichtig waren und sie jeden einzelnen bedauerte, den sie nicht erreichen konnte. Gertrud war positiv bis ins hohe Alter von über 92 Jahren. Sie war immer echt. Sie vergaß ihre eigene Verletzlichkeit, sobald ein anderer ihre Aufmerksamkeit und Hilfe brauchte. – Auch das ist Charisma! Jeder, der sich ihr nähert, ja, sie auch nur wahrzunehmen wagte, war sich dessen bewusst. Charisma ist ein Geschenk und nichts, das man kaufen oder gelehrt werden kann. Man muss es sich erarbeiten, unabhängig von der eigenen Lebensdauer. Dann erstrahlt es für andere erkennbar - oder eben nicht. Und selbst wenn es das tut, ist es für den, der Charisma hat, nicht wirklich wichtig.

Charisma pfeift niemand von den Dächern – auch Carolin Lüdemann und Kathrin Emely Springer nicht. Charisma hat etwas mit bewältigter persönlicher Geschichte zu tun oder solcher, die jeden Tag bewusst neu bewältigt werden muss. Es ist ein Bekenntnis zu den eigenen Fähigkeiten, Begrenzungen und zur eigenen Endlichkeit. Unter anderem.

All das vermisse ich in »Das Geheimnis der positiven Ausstrahlung«. Die sieben Schritte zu einem sympathischen, souveränen und selbstbewussten Auftritt sind einfache Werkzeuge in einem Kasten, der noch erkennen muss, dass auch er selbst eine Rolle spielt. Als Werkzeugkasten eben. Das ist manchmal vielleicht sogar die wichtigste Rolle, die jemand jemals wirklich haben wird. Charismatische Persönlichkeiten spüren selbst in der Öffentlichkeit, dass dem so ist und auch sie davon betroffen sein könnten.

Ein Interview mit Carolin Lüdemann und Kathrin Emely Springer
auf buecher-blog.net finden Sie hier.


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