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Barbara Strohschein - Die gekränkte Gesellschaft Barbara Strohschein
Die gekränkte Gesellschaft

KEN. Wir lernen in »Die gekränkte Gesellschaft« viel über Be-wert-ungen und Ent-wert-ungen. Damit sind wir durchaus nahe dran am Wert Anerkennung. Dieses menschliche Grundbedürfnis ist insgesamt nur einer von vielen Wegen zum Glück, bestätigen zumindest die Beispiele am Ende des Buchs von Barbara Strohschein.

 
 

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Barbara Strohschein stellt sich als promovierte Philosophin vor. Das sei Ausweis genug, um irgendwann bei Bloch, Descartes, Foucault, Kierkegaard und Nietzsche zu landen, sagte seinerzeit ein verzweifelter Mitstudent und ergänzte: »Werden diese Autoren zitiert, nähern wir uns der Wahrheit. Aber Nebel ist eben auch wahr.«

Das Leiden an Entwertung und das Glück durch Anerkennung

Barbara Strohschein unterscheidet Werte, Ideale und Tugenden und beschäftigt sich mit feinen Unterschieden, die uns über die Gesellschaft, die Kultur oder eigene Erfahrungen und Loslösungen zugänglich werden – bewusst, meist aber unbewusst. Das Thema Werte bleibt dadurch kompliziert; es mündet selten wirklich in praktischen Lösungen, wie sie uns die Philosophin mit einem Fragenkatalog zur Selbstanalyse und -reflexion der eigenen Anerkennung anbietet.

Nach Barbara Strohschein leben wir in einer selbstbewussten Gesellschaft. Das nutzt dem Einzelnen wenig, wenn er so unendlich viele Kränkungen erfahren und rund um sich herum auch noch eine Menge Verstärker dieser Entwertungen ertragen musste. Ihre Porträts von Frauen, Männern und Kindern aus allen sozialen Schichten zeigen, dass das Gekränktsein eher der Standard als die Ausnahme ist. Was wir Nachteiliges als Kinder erlebt haben, geben wir zu allem Überfluss an die nächste Generation weiter.

Das wird vermutlich seit Menschen Gedenken von den meisten bedauert, die Vater und Mutter als Kulturvermittler hatten. Es betrifft also jeden. Neu dagegen ist, dass durch Show-Formate wie »Deutschland sucht den Superstar« (DSDS) oder »Dschungelcamp« die Selbst-Entwertung kultig geworden ist. Die Teilnehmer solcher Shows werfen wirklich alles an Würde ins Rennen, um die Bibel zu zitieren: wie Perlen vor die Säue. Ein Millionen-Publikum schaut sich diese modernen Gladiatorenkämpfe an, bei denen eine Jury bereits verglühender Sternchen mit dem Daumen rauf oder runter den Cäsaren spielt. Und das Publikum tobt. Manchmal spielt es sogar selbst den Cäsaren.

Entwertung nach Barbara Strohschein geht auch subtiler. Ob durch Sexismus oder unfähige Führungskräfte, die trotz unverarbeiteter Traumata und mangelnder Erfahrung bereits Personalverantwortung haben. Eltern entwerten ebenfalls, oft unbewusst, wenn sie nie gelernt haben, über ihre eigenen Leiden nachzudenken. Andererseits werden auch Eltern von ihren Kindern entwertet, weil diese vor blinder Begeisterung für das Neue das Altvordere vom Tisch fegen, auf dem dieses Neue aufbaut. Und dann gibt es als Entwerter noch »die Gesellschaft«, die stets anonyme Masse der sozial-, wirtschafts- und bildungspolitisch Anderen.

Es gibt unglaublich viele Möglichkeiten, die mangelnde Anerkennung in eine Schuldzuschreibung zu überführen. Nach Barbara Strohschein verpassen wir ohne Anerkennung den vielleicht alles entscheidenden Zugang zum Glück. Das ist mir jedoch zu einfach. Es gibt zu viele Möglichkeiten, einem die Anerkennung zu verwehren, als dass es nicht auch weitere Wege zum Glück geben sollte.

Problematisch in Barbara Strohscheins Analyse finde ich die Bewertung der Anerkennung als vorrangig ausschlaggebenden Wert von anderen und durch andere: Werden wir danach (an-) erkannt, haben wir einen Zugang zum Glück. Anerkennung ist jedoch nur ein Wert von vielen. Glück ist ein weiterer Wert, der schon neurophysiologisch gesehen die Ausnahme bleiben sollte. Wären wir immer glücklich, würden wir unser Glück nicht mehr wahrnehmen können.

Glück ist mehr als Barbara Strohscheins Dialog mit Ernst Bloch und dessen Kollegen offenbart. Wenn Anerkennung die alleinige Voraussetzung dafür wäre, müssten wir die Löwen in DSDS wieder einführen. Wenn wir Anerkennung als alleinigen Maßstab für eine Be-wertung nehmen, dann sind wir nur dann anerkanntermaßen wert-voll, wenn wir einen möglichst großen »Freunde«-Kreis um uns scharen. Das erreichen IT-Versierte heute rein technisch durch Robots, die ihre Präsenz im Internet hochjubeln. Den Rest regeln die Suchmaschinen.

Ich vermisse bei Barbara Strohschein die Menschen, die abends kompromisslos an der Schrottstatue im Hinterhof schweißen, sich Künstler nennen und vom Taxifahren und Briefe austragen leben – ohne sich deswegen verzweifelt wie der niederländische Maler Vincent van Gogh ein Ohr abzuschneiden.

Ein wertebewusstes Leben hat danach vor allem mit dem zu tun, was in uns stattfindet. Das kann Anerkennung sein, dass kann auch Glück sein, es ist auf jeden Fall etwas, das wir empfinden. Und damit sind wir weg von all den Äußerlichkeiten, den meist unvermeidbaren Eltern, den hänselnden Klassenkameraden, ja selbst den Kritikern und Stars, die ihre ersten Plätze in den Bestsellerlisten von Code-Schnipseln rund um den Globus frisieren lassen.

Einer meiner »Freunde« und »Freund von Freunden« möbelt seine Texte durch einen raffinierten Algorithmus auf. Er lässt einen Computer alle Begriffe in seinem Basistext austauschen, die laut Google die höchsten Trefferquoten erreichen. Seine Texte wirken dadurch mechanisch wie die elektronische Ansage der Zugverbindungen bei der Einfahrt in den nächsten Bahnhof. Er ist in einem seiner weltweiten sozialen Netzwerke die Nummer 1!

Als wir uns kennenlernten, wollte eine Teilnehmerin der Veranstaltung ihn dringend anfassen. Sie habe aufgrund seiner Texte nicht mehr daran geglaubt, dass er wirklich ein Mensch ist. Ob er glücklich ist aufgrund all dieser Anerkennung? Eigentlich sind ihm seine Leser egal, es geht ihm ausschließlich um den ersten Platz in einer obskuren Score-Liste.

Barbara Strohschein sagt meiner Meinung nach ziemlich viel Wahres, das Teil einer Lösung sein könnte. Ihr Zugang zu ihrer Analyse der Be-wert-ungen und Ent-wert-ungen ist vor allem die Philosophie. Ich hätte mir weitere praktische, lösungsorientierte Zugänge zum Thema Werte gewünscht, wie sie in diesem Buch durchaus angelegt sind.

In dieser Fassung sind Werte und Glück vor allem Themen der Bewertung durch andere und damit abhängig von anderen. Das schließt Glück ohne ein entsprechendes Umfeld, ohne eine Fan-Gemeinde, ohne »Followers« und vielleicht sogar ohne »Freunde« aus. Und möglicherweise schließt es in der Konsequenz aus, dass jemand glücklich sein könnte, der nachts im Hinterhof an seiner Statue schweißt, selbst wenn er sie zu Lebzeiten niemals ausstellen und schon gar nicht verkaufen wird.



Der Werte-Manager
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